Krimi/Thriller
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[Rezension] Blutrote Tulpen

Blutrote Tulpen

Blutrote Tulpen von Ibon Martín führt mich nach Spanien, genau gesagt nach Gernika (oder Guernica) im Baskenland. Ich kenne die Stadt ehrlicherweise nur von Pablo Picassos Gemälde Guernica oder Die Schrecken des Krieges, das die Bombardierung der Stadt durch deutsche und italienische Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg weltweit zum Sinnbild der Kriegsächtung machte. Naja – so wirklich viel hat diese “weltweite Ächtung” ja nicht gebracht wenn man sich mal in der Welt umsieht, oder? Es wird immer mehr bombardiert und solange die Rüstungsindustrie gut daran verdient, wird das auch so bleiben. Aber das ist ein anderes Thema …

Blutrote Tulpen

Ibon Martín

An einem sonnigen Freitag bereitet Santi die Abfahrt seines Zuges vor und bewundert die Schönheit seiner Umgebung. Nachdem er ewig lange die U-Bahn in Bilbao durch die dunkle Schächte gefahren hat, darf er jetzt die nach dem Reserva de la Biosfera de Urdaibai benannte Bahnlinie befahren. Er freut sich seines Lebens, denkt an seine Frau und glaubt an eine Halluzination als sie plötzlich vor sich auf der Bahnstrecke auf einem Stuhl gefesselt sieht. Er versucht zu bremsen – aber nichts kann verhindern, dass er mit voller Wucht seine eigene Frau überfährt.

Santi wirft einen letzten Blick in den Rückspiegel, bevor er die Türen der Waggons schließt; auf dem Bahnsteig ist niemand mehr. Dann fährt der Zug los, und schnell liegen die letzten Häuser Gernikas hinter ihm. Blutrote Tulpen, S. 5

Mein Eindruck:

Eine perfide Geschichte

Schockmoment

Das unvermutete Auftauchen von Santis Ehefrau auf den Gleisen trifft mich als Leser beinahe mit derselben Wucht wie den armen Santi. Auch ich kann dem, was da nun kommt nicht mehr ausweichen, allerdings habe ich natürlich keinen persönlichen Bezug zum Opfer. Aber meine voyeuristische Ader will dem peinlicher auch gar nicht ausweichen – denn dafür kaufe ich mir ja solche Thriller. Das Opfer, die Ehefrau des Lokführers, heißt Natalia Etxano und ist eine genauso bekannte wie umstrittene Journalistin bei Gernikas Radiosender. In ihre Händen finden die Ermittler eine festgeklebte rote Tulpe, die für diese Jahreszeit in der wir uns hier befinden nicht gerade typisch ist.

Livestream

Schon bald entdecken die Ermittler aber noch etwas – sowohl der Mord an der Journalistin als auch die ersten Ermittlungen der Kripo werden live auf Facebook übertragen. An einem der Pfosten für die Oberleitung entdecken die Ermittler bald das Telefon, dass alles dorthin gestreamt hat. Die Kripobeamten sind genauso geschockt wie die Bevölkerung über diese unglaubliche Tat und deren Umstände und alle wollen wissen, wer sich so etwas krankes ausgedacht hat.

Sondereinheit

Das dieses Verbrechen keine Tat wie jede andere ist, ist allen Beteiligten schnell klar und es wird eine Spezialeinheit für besonders schwerwiegende Mordfälle gegründet, die Unidad Especial de Homicidios de Impacto. Mir ist nicht ganz klar, ob diese Spezialeinheit eine dauerhafte Einrichtung sein sollen – dann wundert mich das schnelle Einrichten – oder ob es eine Einheit ist, die nur für bestimmte Fälle jedes mal neu eingerichtet wird. Aber grundsätzlich finde ich den Ansatz eine Truppe aus mehreren Polizeiwachen, einer Psychologin usw. zu gründen wirklich gut. Das unsere Protagonistin Ane Cestero mit ihren Mitstreitern hier ein Fall mit vielen Wendungen, alten Geheimnissen und vielen Überraschungen erwartet ist von Anfang an klar.

Zeitenwechsel

Die Geschichte pendelt zwischen der Gegenwart, also hier das Jahr 2018, und verschiedenen Zeitphasen in der Vergangenheit – wobei 1985 wohl am weitesten von der Gegenwart entfernt ist. Die Sprachstil ist zwar vergleichsweise einfach, aber durch viele wirklich lebensnahe Dialoge und ein allgemein ziemlich flottes Tempo nimmt die Geschichte schnell an Intensität zu. Zusätzlich schafft der Autor es aber auch ein sehr detailliertes Bild der Region um Gernika zu erschaffen und mich gedanklich immer mitten im Geschehen zu halten. Die oft sehr eindringlich geschilderte Schönheit des Gegend lässt das Verbrechen noch viel grausamer erscheinen.

Charaktere

Alle Charaktere des Buches sind sehr gut gezeichnet und ich kann mir jeden von ihnen bildlich vor meinem geistigen Auge vorstellen. Auch die Beziehungen im Team untereinander werden glaubhaft und nachvollziehbar geschildert, auch wenn Ane und Julia ganz unbestritten dieses Team anführen. Die männlichen Kollegen des Teams sind ebenfalls sehr zielstrebig und arbeiten sehr effektiv und setzen immer wieder einen Kontrapunkt zu Anas etwas unorthodoxen Methoden. Selbst der Bösewicht der Geschichte ist sehr gut gewählt, auch wenn ich bis kurz vor der Lösung keine Ahnung habe, wer hinter den Beschreibungen steht.

Wendungen

Insgesamt hat mich Blutrote Tulpen auf ganzer Linie begeistert und mich immer wieder total in Erstaunen versetzt. Es gab so viele Wendungen, so viele Verdachtsmomente, so viele Momente in denen ich sprachlos auf die Seiten starrte – ich fand es einfach grandios. Ich mochte das Ermittlerteam, ich mochte die Landschaft und gelegentlich mochte ich sogar den einen oder anderen Verdächtigen. Jetzt muss ich erst mal schauen, ob es von diesem Autor noch weitere, auf deutsch übersetzte, Bücher gibt.

Mein Fazit:

Blutrote Tulpen von Ibon Martín ist ein superspannender Thriller, der mich wirklich vollkommen begeistert hat. Wer Thriller liebt sollte sich dieses Buch auf keinen Fall  entgehen lassen.

Buchinfos
  • Titel: Blutrote Tulpen
  • Originaltitel: La danza de los tulipanes
  • Autor: Ibon Martín
  • Übersetzer/in: Anja Rüdiger
  • Verlag: Heyne Verlag
  • Genre: Thriller
  • Erscheinungsjahr: 2021
  • ISBN: 978-3-453-42557-6
  • Form: TB, 512  Seiten
  • Preis: 14,99 €

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