Der stumme Zeuge

[Rezension] Der Stumme Zeuge

Der stumme Zeuge hat mal einen ganz anderen Handlungsort, als meine Krimis so für gewöhnlich haben. São Paulo verbinde ich ja eher mit Sommer, Sonne, Strand und Meer obwohl ich natürlich weiß, dass das lediglich die Touristenkulisse des Ortes ist.

Der stumme Zeuge

Edney Silvestre

Ein kleiner, schmächtiger, blonder Junge wird mit einer Limousine von der Schule abgeholt – wenig später war der Chauffeur tot und der Junge verschwunden. Die Söldnertruppe, die die Entführung organsiert hat, dachte sie haben den Sohn des reichen und mächtigen Medienmoguls Olavo Bettencourt entführt – in Wahrheit haben sie den taubstummen Sohn der Haushaltshilfe in ihre Gewalt gebracht. Als ihnen ihr Irrtum klar wird, geraten sie in Panik.

Mein Eindruck:

Der Junge erschrak, als die langgestreckte Limousine neben ihm hielt und der Mann am Steuer ihm bedeutete einzusteigen. Dann lächelte er, weil dies seine Art war, sich für Freundlichkeiten die man ihm erwies oder in Aussicht stellte, erkenntlich zu zeigen. Der stumme Zeuge, S.9

Enttäuscht oder getäuscht?

Das Buch Der stumme Zeuge ist ein bisschen eine Mogelpackung. Vorne auf dem Cover steht „Kriminalroman“ – wenn man das Buch aufschlägt steht klar unter dem Titel „Roman“. Das trifft es auch wesentlich besser und deutlicher. Die Entführung spielt hier nur eine kleine, eher unwesentliche Rolle, ebenso die Entführer und deren Ziele. Insofern bin ich schon etwas enttäuscht.

Der Medienmogul

Im Wesentlichen geht es um Olavo Bettencourt und sein Verhältnis zu Macht und Geld. Er ist aufgestiegen zu einem Medienmogul, der ohne Rücksicht oder Gewissen handelt. Er tut anderen mächtigen Leuten diverse Gefallen, die dann wiederum ihm etwas schuldig sind und so entsteht ein Netzwerk aus korrupten, machgierigen Menschen , denen es egal ist, was in ihrer Umgebung passiert – solange sie nicht persönlich davon betroffen sind.

Die Ehefrau

So rücksichtslos Bettencourt im Geschäftsleben ist, so führt er auch seine Ehe. Er lässt es seiner Frau finanziell an nichts fehlen, erwartet dafür aber absolute Hörigkeit. Mara spielt dieses Spielchen mit und lässt sich, aus Angst fallengelassen zu werden  oder schlimmeres, alles gefallen. Aus Angst um ihren Sohn kann es jedenfalls nicht sein, denn der ist ihr nicht weiter wichtig – dazu ähnelt er optisch ihrem verhassten Ehemann viel zu sehr.

Das Ende

Das Ende ist eher unspektakulär. Ob die Haushälterin den Mut aufbringt, der Mara fehlt, um Olavo Bettencourt zu stoppen, erfährt man nicht, aber ich bezweifle es. Ach ja, die Entführung endete für den Jungen positiv – also immerhin überlebt er das Ganze. Mara folgt erst mal weiterhin ihrem unsympathischen Ehemann – denn der sicher ihr ja immerhin das, bis dato jedenfalls, gute Leben. Was dem Rest passiert ist? Wer weiß…

Die Moral von der Geschichte?

Ob Der stumme Zeuge mir nun aufzeigt, wie das typische Gehabe der Machtmenschen in Brasilien so ist? Ich weiß nicht, dafür kenne ich mich zu wenig dort aus und das Buch hat mir brasilianische Verhältnisse nicht wirklich näher gebracht. Ich denke das Bilden von Seilschaften, Korruption, Machtmissbrauch und auch Missbrauch in der Ehe ist nicht typisch brasilianisch – das gibt es in allen Kulturkreisen. Vielleicht hat man es in anderen, etwas moderneren oder reicheren  Ländern einfacher aus diesem Teufelskreis auszubrechen oder man erfährt mehr Hilfe. Kann sein, muss aber nicht. Wer so wie die fiktive Ehefrau des ebenfalls fiktiven Medienmoguls nicht ausbrechen will, sondern brav weiter gehorcht und lieber dem Geld folgt, wird das aber nie erfahren, weder in Brasilien noch sonstwo auf der Welt.

Mein Eindruck:

Eine etwas verwirrende und unspannende Geschichte über Macht, Geld, Korruption  und Sex in Brasilien.

Buchinfos

  • Titel: Der stumme Zeuge
  • Originaltitel: A Felicidade é Fácil
  • Autor: Edney Silvestre
  • Übersetzer/in: Kirsten Brand
  • Verlag: Limes Verlag
  • Genre: Roman
  • Erscheinungsjahr: 2016
  • ISBN: 978-3-8090-2658-7
  • Form: gebunden,  224  Seiten
  • Preis: 19,99 € 

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